März 2019 - SPIEGELUNG



Kunstspuren/Landesbühnen/Laudatio

von Heinz Weißflog

Sehr geehrter Herr Intendant, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kunst aus nah und fern, liebe Theaterbesucher, liebe Kunstspurensucher/innen!

Für die Radebeuler Malerin Sylvia Ibach, die seit 6 Jahren in der Gartenstadt lebt und arbeitet, bedeutet die im Jahr 2015 gegründete Künstlervereinigung "Kunstspuren" sehr viel: Die Gruppe, die seitdem regelmäßig gemeinsam unter ihrer Leitung an die Öffentlichkeit tritt, hat sich in ihrem Bestand gefestigt, wenngleich einige Zu-und Abgänge zu verzeichnen waren. Sylvia Ibach lobt das Engagement der einzelnen Mitglieder, das Ringen um die gemeinsame Arbeit und betont dabei die besondere Bedeutung der Gemeinschaft, die sich auch auf die künstlerische Arbeit auswirkt, Austausch und Inspiration bereithält, aber auch den Einzelnen in seiner eigenen Kunstarbeit bestärkt ohne ihn zu bevormunden oder zu beeinflussen. Der Großteil der Mitglieder wohnt und arbeitet in Radebeul und Umgebung und ist mit der Gartenstadt auf vielfältige Weise verbunden. Die Landschaft im Elbtal ist eng an Fluss und Natur gebunden, weswegen auch die meisten Künstler hier vor Ort nach der Natur arbeiten, entweder plain air oder im häuslichen Atelier. Auch in dieser Ausstellung überwiegt die Landschaftsmalerei, von realistisch-gegenständlichen Auffassungen bis zur Abstraktion und dem von der Landschaft inspiriertem Informel reichend. Nicht umsonst trägt die Ausstellung den weitgefassten Titel "Spiegelungen", im konkreten (hier also Fluss, Elbaue und andere Gewässer thematisierend), wie im weitergefassten Sinne die Bilder auch Spiegel ihres künstlerischen Selbst und dessen Umfeld sind. Im Lande der Romantik hat sich bis heute etwas von damals erhalten, in dem eine besondere Kultur unter besonderen geologischen, klimatischen und historischen Bedingungen gewachsen ist, die einen eher nachdenklichen, oft nach rückwärts schauenden Menschenschlag hervorgebracht hat, der gern über sich und die Welt reflektiert. Beschaulich vielleicht mag der Sachse sein: 

Dr. Fritz Löffler, der Nestor der Dresdner Kunstkritik, bezeichnete das mit der Romantik verwurzelte Phänomen in einem Essay über die Sachsen mit dem Titel "Zwischen Dämonie und Gemütlichkeit" und bezog sich damit auf die Kehrseite romantischer Weltflucht in die Enge des häuslichen Refugiums, die Furcht vor dem Fremden, als Sache und Person zugleich. Auf den Zauber der Dresdner Romantik kam übrigens Sylvia Ibach während unserer Fahrt durch Radebeul zu sprechen, sie, die selbst Rheinländerin ist und sich in die "romantische Landschaft" um Dresden verliebt und sich in ihr eingerichtet hat. Ihre Landschaften, meist Aquarelle, sind ganz dem Wasser (Fluss) verpflichtet mit poetischer Vertiefung in den Gegenstand (Waldsee). Das Aquarell ist ihre Heimat und ihre Herausforderung, steht es in einem Statement von ihr. Dabei wirkt die besondere Kraft des Zufalls in ihre Arbeit hinein als "Spiel der Möglichkeiten" und Überraschungen: "Ich bin Menschenfreundin, Natur-Liebhaberin, Übende, Ewig-Suchende, Momente-Sammlerin", sagt sie von sich. Vier Aquarelle, die Landschaftsausschnitte zeigen, sind von der Poesie des Augenblicks gekennzeichnet. Stille, das Weiß des Papieres betonende Flächen sind Impression und zarter Ausdruck ihrer Seele, die sich behutsam in ihren Bildern zeigt.

André Uhlig bevorzugt Landschaftliches und orientiert sich stark an dessen Topografie. Elbbögen, das Schloss Batzdorf, "böhmische Dörfer", die "Erde bei Meißen" aber auch das mythenreiche Venedig sind beliebte Gegenstände seiner Bilder ("Porta Bohemica", 2018), die meist als Sandreservagen oder Mischtechniken mit Kaffee-Kohle und Acryl-Zusatz geschaffen wurden. Uhligs Arbeit lebt vom Eindruck vor der Natur, den er auf Reisen und Wanderungen skizzenhaft und manchmal schon in Farbe notiert. Ungewöhnliche Blicke auf Dresden und Radebeul zeigen den Künstler als Meister des Atmosphärischen, der immer dem grafischen Experiment (in den Farbradierungen) folgt und neue Naturmaterialien wie Sand und Kaffee einsetzt. Seine Kompositionen entbehren nicht einer gewissen Skurrilität, verströmen schon schon in der Anlage durch die besondere Perspektive in der Betonung der Diagonale herzhaften, erdgebundenen Humor und Lebendigkeit.

Anita Voigt ist mit zwei südlichen Küstenlandschaften ("Kroatien I und II", 2016), einer nördlichen Landschaft bei Tidaholm und einem Winterbild vertreten. Visuelle Anregungen bewirken bei ihr eine große Vertiefung in die Natur, fast meditativ, bringt sie sich immer ganz in das jeweilige Bild ein. Die Monotypie/Pastell "Es ist Winter" (von 2019), also taufrisch, spielt mit den freien weißen Flächen und dem vorsichtig aufgebrachten Goldglitzer. Voigt arbeitet in Serien. Und in Schüben widmet sie sich mal der Malerei, mal der Druckgrafik oder zeichnet und arbeitet plastisch. Ebenso fertigt sie Buchillustrationen, Leuchten, Keramiken oder für das Puppenspiel.

Auch für Cornelia Konheiser ist die Natur Vorgabe und Impuls für das eigene Schaffen. Dabei wechselt ihre Auffassung von realistischer bis zu leicht abstrahierender Ausprägung. Ihre Serie "Uferzone I-IV" (2018) ist ein Meisterstück, in dem die Spiegelung in verschiedenen Varianten durchgespielt wird. Auf Spaziergängen und Wanderungen empfängt sie die nötige Inspiration durch die Übergänge von Licht und Schatten sowie den in der Natur entstandenen Strukturen, die sie im Bild leicht auf das Wesentliche reduziert. So entsteht ein malerischer Impressionismus aus Formen und Farben, der über den visuellen Eindruck hinausreicht und zu etwas Eigenem wird. Grün, Weiß und Blau, geheimnisvoll verspiegelt, sind, in ihren Valeurs, die bestimmenden Farben ihrer Fluss-und Uferbilder.

Ebenfalls leicht abstrahiert und auf Farbformen reduziert sind die Landschaften von Anita Rempe, die Licht und Schatten poesievoll reproduzieren. In dem Ölbild "Birkenwald" herrscht eine vertikale Strenge, in der die Farben wie Tupfer aufgebracht sind, die von harten Schatten begleitet werden. "Die entscheidende Frage meines Ausdrucks besteht meist weniger darin, was gemalt werden soll, sondern wie dieses Etwas Ausdruck finden kann", schreibt sie in einem Statement zum Flyer. Auch in ihren Arbeiten findet man Anleihen beim Impressionismus, die mich an Oskar Kokoschka erinnerten.

Die Landschafterin und Schlossherrin Bettina Zimmermann aus Batzdorf bei Klipphausen wagt sich seit einiger Zeit auf das abstrakte Terrain: Drei einander in der Konstruktion ähnelnde Acrylbilder verarbeiten landschaftliche Stimmungen zu formelhaften Ufer-und Seebildern, in denen die kristalline Form der Spiegelungen vorherrscht. Jeweils ein besonderer Grundton (Rot, Blau, Grün) bestimmt den Charakter des Bildes. Bettina Zimmermann interessieren die sich durchdringenden Strukturen in der Natur im ständigen Spiel des Lichts, "wie sie sich im Duktus der Bewegung offenbaren" (Flyer).

Die in der Landschaft (vorwiegend in der urbanen) agierende Figur ist Thema von Gabriele Kreibichs Acrylmalerei auf Papier. Im Bilderzyklus "Im Spiegel des Betrachters 1 bis IV" bewegen sich Figuren durch einen konstruktiv verspannten Raum, lautlos und ohne Berührung. Menschen spiegeln sich in den Glasscheiben der Schaufenster, vielleicht von einem Café aus betrachtet; man wird an an Nathalie Sarrautes Erzählung "Tropismes" (1939 erschienen) erinnert, die von der unwillkürlichen und lautlosen Bewegung hinter der Glasscheibe fasziniert war. Gabriele Kreibichs Bilder sind grafisch angelegt und wirken wie eine farbige Hinterglasmalerei in satten, lebensfrohen Farben, denen man auch dunkle, nachdenkliche Züge abgewinnen kann, wie in den kuriosen, schattenwerfenden Figuren beim Spaziergang durch die Stadt.

Uwe Beyers Ölbild "Aronia" stellt eine von einer heimatlichen Landschaft inspirierte, strukturbezogene Fantasmagorie dar, die mit der Assoziation der Frucht und ihrem Anbaugebiet bei Coswig spielt: Eigentlich ist das Bild, das zwar auf eine konkrete Begegung verweist, abstrakt-informel, also vom Gegenstand losgelöst. "Grüne Welle", ein Ölbild im Erdgeschoss dagegen erweckt Vorstellungen, die Begegnungen mit Landschaft und Wasser gleichermaßen verarbeiten und einen gewissen Wiedererkennungseffekt haben. Nach Meinung des Künstlers ist eine "strukturelle Unabgeschlossenheit eine Grundvoraussetzung für das Entstehen von Kunst".

Die Radebeuler Fotografin Gabriele Seitz ist mit einer Schwarz-Weiß-Analog-Fotografie vom Anklamer Stadtbruch vertreten, ein Niedermoor, das 15 km von Anklam entfernt seit 2015 ihre Aufmerksamkeit erregt. Dort fotografiert sie immer wieder den "Kraftort Moor", wie sie ihr demnächst erscheinendes, opulentes Haikubuch betitelt hat. Bereits vor zwei Jahren erschien ein Buch mit ihren Haiku und den Radierungen der Dresdner Maler/Grafikerin Rita Geißler, mit der sie und anderen Kunstfreundinnen regelmäßig deutsche Moorlandschaften besucht. Die großformatige, analoge Fotografie wurde digital bearbeitet und auf Leinwand übertragen. Von der Fotografin stammen auch die charaktervollen Porträtfotos der 14 Künstler auf dem Aufsteller.

Ralf Uhlig wählte für die Ausstellung drei Porträts aus, darunter von dem von schwerer Krankheit gezeichneten und vor einem Jahr verstorbenen Maler Dieter Beirich, der in Radebeul kein Unbekannter war. Bei ihm nahm der gelernte Werkzeugmacher seit 1962 Unterricht im Zeichnen und Malen, auch bei Hans-Georg Annies und Manfred Beyer. Das Werk von Curt Querner und Emil Nolde interessierte und beeinflusste ihn nachhaltig. Die komplizierte Technik von Ölfarbe auf Papier ist mit dem Aquarell verwandt, dem sich der Künstler seit Jahren widmet und das er perfektioniert hat. Sein Interesse für die Ölmalerei geht mit der Wahl interessanter Malgründe einher, wie Karton, Knitterpapier, Raufasertapete usw. die mit der Farbe besondere Wirkungen und Effekte entwickeln. "Ich male seit ich denken kann, und vielleicht auch schon länger. Malen war für mich immer Brücke zwischen Beruf und Freizeit" schreibt er gleichsam selbstbewust und bescheiden von sich.

Irene Wieland arbeitet im freien und angewandten Bereich in verschiedenen Projekten für das Theater und Verlage, malt Bilder, bemalt Keramik (Künstlersammeltassen für Rosenthal) und stellt seit 2007 Stahlskulpturen (steelcuts) her. In dieser Ausstellung schuf sie extra für das Glasfoyer zahlreiche Hinterglasbilder zum Thema "Bienen" und weist damit auf die besondere Bedrohung dieser Insekten hin, die hier in spielerischem Zusammenhang mit Blüten und Pflanzen agieren. Durch die Transparenz der Arbeiten ergeben sich schöne Lichteffekte. Seit dem Jahr 2012 führt sie eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Landschaft - "Momentaufnahmen - das Gesehene durch direkte Arbeiten unter freiem Himmel umzusetzen und zu begreifen", indem sie das Atelier ins Freie verlegt. Das begann mit einer Installation im Roten Haus Moritzburg/Friedewald (2013). Ihre Hinterglasmalerei ist stark farbig und hält ein grafisches Gerüst zusammen, in das die Farben gefasst sind. Die draußen aufgestellten Stahlskulpturen von 2019 ("Hahnemann", "Tulpenkönig", "Stolzer Schritt") stehen miteinander in einer Art szenischem Dialog und wirken in den Innenraum hinein. Einige ihrer Arbeiten waren u.a. im Begleitprogramm der Dokumenta IX (1992) in Kassel zu sehen.

Die Malerin Gabriele Wanielik, die mit dieser Ausstellunsgbeteiligung ihren Abschied von Radebeul nimmt, hat eine Serie von minimalistischen Bildern geschaffen, die sie "Kosmische Spiegelung" nennt. An den Säulen platziert, korrespondieren verschieden farbige senkrechte Streifen in unterschiedlicher Länge mit dem offenen Bildraum. Die farblich stark zurückgenommenen, fast monochromen Mischtechniken atmen Weite und wirken aus der Tiefe des jeweiligen Bildes in einem mysthisch aufgeladenen Bildraum wie Klänge fremder Welten. Auf jedem Bild tritt eine Figur auf, die vom Blick in den Sternenhimmel bis zur Landung auf dem Mars schließlich die Sehnsucht der Menschheit nach der Besiedelung des Kosmos symbolisiert. Gabriele Wanielik begann 2007 mit der Pastellmalerei, über Tuschen und Aquarelle bis zu den verschiedenen Drucktechniken. Zur Malerei kam sie erst spät. Für ihre Entwicklung waren Kurse bei Wolfram Neumann an der Abendschule der HfBK wichtig. Seit 2009 wohnt die Künstlerin in Dresden und seit 2013 in Radebeul.

Christa Günthers Ölbilder offenbaren die Welt des Geistigen und Meditativen. In komplizierter Lasurtechnik und Schicht für Schicht gemalt (sie stellt ihre Farben selbst her) umschreibt ihre Bildwelt das spirituelle Universum. Farbe ist ihre Leidenschaft, sagt sie von sich: Gespachtelt, als Drippings und Verläufe wird sie im Verein mit dem Zufall auf die Leinwand gebracht. "Ich sehe, höre, rieche die Farbe über meine Sinne in der Natur, im Traum, im Klang. Im Atelier setzte ich meine Sinneseindrücke um. Aus der Farbe entwickelt sich die Form" Dadurch entsteht auf dem Bild eine innere Wirklichkeit. Veränderung, Aufbau und Zerstörung des Bildgeschehens wechseln einander ab. Ihre Bildidee betrachtet sie metaphorisch als "Geschenk der Mnemosyne, der Mutter der Musen, die ihr beim Malen über die Schulter schaut". "Die Stille in der Bewegung" ist ebenso wie "Der Traum" ein informelles Meditieren über die Welt und den Kosmos, das ihr inneres Bedürfnis nach dem Einssein der Natur befriedigt. Dabei spielt vor allem die Vertikale, die wie ein Riss durch den Bildraum geht, eine große Rolle.

Klaus Liebschers informelle Arfbeiten auf schwarzem Grund erzeugen eine besondere Schwingung durch ihr Spiel mit dem Licht und die eigenwillig schöne Transparenz, die wie Musik für die Augen ist. Sie verzieren den Glasanbau und schaffen Blickfänge von innen und außen. Farbige Tupfer von Kunstharzfarben auf Fahnenstoff tuchieren die Bildgründe. Liebscher porträtiert immer wieder die Farbe Rot, seine Lieblingsfarbe. Auch in der Hommage an Jimmy Hendrix dominiert das Rot wie sprühende Sternenfunken im Universum. Liebscher malt seit der Schulzeit, seit 1962 ist er "ewiger Freiberufler", der sich mit Restaurierung über Wasser hielt. Liebscher arbeitet gern nach improvisierter Musik, wie z.B. von Evan Parker, Peter Kowald und Hartmut Dorschner. Er verzichtet auf erzählerische Momente und lauscht auf die Sprache der Farbe in sich. Pollock, Thieler und Schumacher sind Leitfiguren seines gestischen Automatismus. Rückbezüge auf den Zen-Buddhismus und den Butoh-Tanz (die japanische Art des Ausdruckstanzes) machen das jeweilige Bild zum Gegenstand der Versenkung und Meditation.

PS: Trotz der allgemeinen, tagtäglichen Negativberichterstattung in den Medien über unseren Lebensalltag will ich einmal etwas Positives berichten: Schon als ich die Tür öffnete und das Foyer des Theaters betrat, drang mir eine Flut entspannter Luft und Energie entgegen. Theaterluft, die mich an den guten Shakespeare erinnerte. Das war nicht der übliche Kantinengeruch, sondern etwas von einer kostbaren Speise, einer freundlichen Atmosphäre nämlich, die das ganze Haus auszuatmen schien. Verzeihen sie mir die Schwärmerei. Der Chef des Hauses gab sich als freundlicher, ja optimistischer Mitmensch zu erkennen, der mit mir ohne Zwischeninstanz höchtspersönlich die finanzielle Seite dieser Laudatio auf freundliche Art und mit einem herzlichen Wortwechsel abwickelte. Möge der Segen über diesem Haus nie schief hängen!

Ich danke Ihnen!